SAP investiert mit zwei strategischen Übernahmen in Enterprise-KI

SAP übernimmt Prior Labs und Dremio, um KI tiefer in seine ERP-Plattform zu integrieren. Was bedeuten diese beiden strategischen Übernahmen für die KI-Strategie von SAP?

Viele Unternehmen sitzen auf einer Goldgrube an Geschäftsdaten, doch der Weg von den Rohdaten zu verwertbaren KI-Erkenntnissen ist selten geradlinig. Wo befinden sich unsere Daten eigentlich? Können wir den Ergebnissen unserer KI-Modelle überhaupt vertrauen? Das sind Fragen, die in IT-Abteilungen und Vorständen großer Unternehmen immer häufiger auf den Tisch kommen. SAP scheint sie immer ernster zu nehmen. Und das tun sie mit ihrem Geldbeutel.
 
Anfang dieses Monats gab SAP zwei Übernahmen bekannt, die zusammen ein klares Signal senden: Das Unternehmen will künstliche Intelligenz (KI) fest in seinen Softwaresystemen verankern. Und das wollen sie durch die Übernahmen von Prior Labs, einem deutschen KI-Unternehmen, das auf Tabellendaten spezialisiert ist, und Dremio, einer amerikanischen Plattform für Datenanalyse in großem Maßstab, erreichen. Zwei Namen, die vielleicht unbekannt klingen, aber für die Strategie von SAP alles sagen.

Prior Labs: KI, die versteht, was ERP-Daten bedeuten

Prior Labs wurde von den Entwicklern von TabPFN gegründet, einem KI-Modell, das speziell für strukturierte, tabellarische Daten entwickelt wurde. Das ist genau die Art von Daten, in der ERP-Systeme wie SAP S/4HANA schwimmen: Man denke an Auftragszeilen, Bestandsbewegungen, Hauptbuchposten oder Personaldaten.

Traditionelle KI-Modelle sind stark bei Text oder Bildern, stolpern jedoch oft über die strukturierten, kontextabhängigen Tabellen, die Unternehmenssoftware erzeugt. TabPFN ist genau darauf ausgelegt. Das Modell kann ohne umfangreiches Training schnell Muster in Tabellendaten erkennen: eine Eigenschaft, die für viele Unternehmen enorm wertvoll ist.

Mit der Übernahme holt SAP ein Team an Bord, das spezialisiertes KI-Wissen mit einem tiefgreifenden Verständnis für die Art von Daten verbindet, mit denen SAP-Kunden arbeiten. Es wird erwartet, dass diese Technologie in SAP Business AI, das übergreifende KI-Portfolio des Unternehmens, integriert wird. Konkret bedeutet dass, intelligentere Vorhersagemodelle für die Bedarfsplanung, eine bessere Erkennung von Abweichungen in Finanzprozessen und mehr automatisierte Erkenntnisse. Und all das findet direkt in der ERP-Umgebung statt, ohne dass ein Datenwissenschaftler hinzugezogen werden muss.

Dremio: Daten für KI in großem Maßstab zugänglich machen

Die zweite Übernahme betrifft Dremio, eine Plattform, mit der Unternehmen große Datenmengen analysieren können, die über verschiedene Speicherorte verteilt sind. Dremio arbeitet nach dem Lakehouse-Prinzip: Große Mengen an Rohdaten werden an einem zentralen Ort gespeichert, lassen sich aber gleichzeitig schnell und strukturiert abrufen.

Was Dremio auszeichnet, ist die Möglichkeit, Daten abzufragen, ohne sie zuvor verschieben oder kopieren zu müssen. Das klingt technisch, hat aber große Auswirkungen. Viele Unternehmen haben ihre Daten nämlich über mehrere Systeme und Clouds verteilt. Dremio fungiert als eine Art universelle Ebene, die all diese Quellen verbindet; das macht die Plattform besonders interessant als Grundlage für KI-Anwendungen.

SAP will Dremio als Teil seiner Datenplattform-Strategie einsetzen, und zwar speziell als Brücke zwischen rohen Unternehmensdaten und den KI-Modellen, die daraus Erkenntnisse gewinnen sollen. Für SAP-Kunden bedeutet dies potenziell, dass sie ihre bestehende Dateninfrastruktur ohne große Migrationen nutzen können: eine erhebliche Hürde, die in der Praxis viele KI-Projekte verzögert.

Wie stärken diese Übernahmen die KI-Fähigkeiten von SAP?

Für sich genommen sind Prior Labs und Dremio interessante Akquisitionen. Zusammen erzählen sie eine schlüssige Geschichte darüber, wohin SAP gelangen will.

Der Kern dieser Strategie ist Joule, SAPs KI-Copilot, der tief in das gesamte SAP-Portfolio integriert ist. Joule soll es Anwendern ermöglichen, in natürlicher Sprache mit ihrer Unternehmenssoftware zu arbeiten: Fragen stellen, Prozesse starten, Erkenntnisse abrufen. Doch für einen KI-Assistenten, der im Unternehmenskontext wirklich nützlich ist, braucht man zwei Dinge: Zugriff auf die richtigen Daten und Modelle, die diese Daten verstehen. Und genau das liefern Dremio und Prior Labs.

Zudem reagiert SAP auf ein wachsendes Anliegen großer Organisationen: Zuverlässigkeit und Kontrolle über KI. Durch die Integration von KI-Funktionalitäten in die eigene Plattform (anstatt auf externe Tools zu verweisen) kann SAP mehr Garantien in Bezug auf Datensicherheit, Compliance und Nachprüfbarkeit bieten. Das ist ein Argument, das bei Unternehmenskunden, insbesondere in stark regulierten Branchen wie dem Finanzwesen und dem Gesundheitswesen, großes Gewicht hat.

Was bedeutet das für ERP-Anwender?

Für Unternehmen, die SAP-Software nutzen, sind diese Übernahmen kurzfristig noch nicht unmittelbar spürbar. Integrationen kosten Zeit, und SAP wird die neue Technologie schrittweise in seine bestehenden Produkte einbauen müssen. Aber die Richtung ist klar.

Das Versprechen ist eine ERP-Umgebung, in der KI kein isoliertes Hilfsmittel ist, sondern in die täglichen Prozesse eingebunden ist. Man stelle sich einen Einkäufer vor, der über Joule in einfacher Sprache fragt, welche Lieferanten die meisten Verzögerungen verursachen, und sofort eine zuverlässige Antwort auf Basis aktueller ERP-Daten erhält, die von speziell für diese Art von Daten entwickelten Modellen analysiert wurden.

Wie schnell dies Realität wird, bleibt abzuwarten. Beide Übernahmen müssen nämlich noch von den Aufsichtsbehörden genehmigt werden. Doch mit diesen beiden Übernahmen verfügt SAP auf jeden Fall über zwei entscheidende Bausteine.

Quellen

SAP – SAP plant, Prior Labs zu übernehmen und Europas führendes Frontier-KI-Lab aufzubauen (4. Mai 2026)

SAP – SAP stärkt mit der Übernahme von Dremio seine Datenbasis für agentische KI (4. Mai 2026)

8 Juni 2026

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